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Von überhöhten Terminierungsentgelten über abgeschaffte Baumschutzsatzungen
bis zur Entschädigung für deutsche Kolonialverbrechen

Warum es manche Themen nicht in die Medien schaffen

Text: Horst Pöttker     Bild: Photocase.com/Nanduu
 

 

Was verletzt die Berufsehre von Journalisten am meisten? Wenn sie Falsches berichten? Wenn sie die Privatsphäre Prominenter verletzen? Oder wenn sie Banalitäten zu Sensationen aufbauschen?

Das alles sind gewiss gravierende Verfehlungen. Die schwerste Verfehlung aber ist, wenn Journalisten etwas nicht berichten, obwohl es in die Öffentlichkeit gehört. Denn ihre Aufgabe ist nicht, dem Publikum Gutes zu tun oder es vor Schädlichem zu bewahren; seit es Journalisten gibt, besteht ihre Aufgabe darin, alles Aktuelle bekannt zu machen, was der Einzelne wissen muss, um sein Leben auf der Höhe der Möglichkeiten zu gestalten, und was die Gesellschaft an Transparenz braucht, um sich selbst zu regulieren.

Die schwerste journalistische Verfehlung ist deshalb, über etwas nicht zu berichten, das der Einzelne und die Gesellschaft erfahren sollten. Da eine konsensfähige Entscheidung über solche Relevanz nur aus einem Diskurs hervorgehen kann, der seinerseits Öffentlichkeit voraussetzt, haben Journalisten eine Grundpflicht zum Publizieren, von der im Prinzip kein Thema ausgenommen ist. In der Praxis wird diese professionelle Grundpflicht allerdings durch das Abwägen mit konkurrierenden Pflichten begrenzt, etwa dem Verbot, die Privatsphäre dargestellter Personen zu verletzen.

Praktische Konsequenz aus dieser Konstellation ist die journalistische Verpflichtung zu umfassender Berichterstattung. Dass es vergessene Kriege auf der Welt gibt, über die in den Medien (fast) nie berichtet wird, ist aus journalistischer Sicht bedenklicher als die Befürchtung, zu viel Gewalt auf den Bildschirmen könne zur Nachahmung anregen.

Da das (Ver-)Schweigen als die schwerste journalistische Sünde gelten muss, hat es für den Journalismus besondere Bedeutung, warum Probleme und Themen nicht (ausreichend) an die Öffentlichkeit kommen, welche Arten von Problemen und Themen das sind und was sich gegen solche Öffentlichkeitsdefizite unternehmen lässt.

Antworten sind den Listen öffentlich vernachlässigter Missstände zu entnehmen, die die „
Initiative Nachrichtenaufklärung“ (INA) jährlich veröffentlicht. Nach dem Vorbild des US-amerikanischen „Project Censored“ wurde die INA 1997 von Peter Ludes an der Universität Siegen gegründet. Die Geschäftsführung liegt seit 2002 bei der Professur für Theorie und Praxis des Journalismus an der TU Dortmund.

Die INA weist auf in den Medien zu kurz kommende Sachverhalte hin, die aus der Bevölkerung an sie herangetragen werden. In Rechercheseminaren, die bisher an den Universitäten Siegen, Dortmund, Münster, Bonn und an der Hochschule Darmstadt veranstaltet wurden, werden diese Vorschläge daraufhin überprüft, ob das entsprechende Problem tatsächlich existiert und für Journalisten erforschbar ist (Triftigkeit) und ob darüber tatsächlich nicht oder zu wenig berichtet wurde (Vernachlässigung). Letzteres wird mit Hilfe einer Pressedatenbank kontrolliert.

Das dritte Kriterium, die Relevanz, wird am Ende von der INA-Jury eingeschätzt. Ihr gehören zur Hälfte Journalisten, zur anderen Hälfte Wissenschaftler an, um im Blick zu halten, dass öffentliche Vernachlässigung sowohl mit Druck von außen auf den Journalismus als auch mit seinen innerprofessionellen Mechanismen zu tun haben kann. Die Jury trifft sich im Januar, spätestens Anfang Februar und publiziert dann eine Top-Ten-Liste der am meisten vernachlässigten Missstände. Zweck dieser Liste ist, Journalisten zum Recherchieren und Publizieren der aufgeführten Probleme anzuregen.

Für 2007 hat die INA am 7. Februar 2008 eine Liste von nur acht Themen beschlossen, da die Hinweise von außen nach der Prüfung durch Rechercheseminare und Jury nicht mehr hergaben. Quantität und Qualität der Einreichungen lassen generell zu wünschen übrig, was aber nicht als Beleg missverstanden werden darf, als ob die Medien nichts untergehen ließen. Vielmehr zeigt es das Dilemma, dass auf Verschwiegenes, eben weil es nicht bekannt ist, auch kaum hingewiesen werden kann. Öffentliche Vernachlässigung zeugt sich aus sich selbst heraus fort.

Gleichwohl lassen einige der kürzlich bekannt gewordenen Top-Themen Rückschlüsse zu, aus welchen Gründen problematische Sachverhalte von den Medien nicht beachtet werden. Vollständig kann die aktuelle INA-Liste
im Internet abgerufen werden. Aufschlussreich ist bereits das Spitzen-Thema:

Absprachen über Terminierungsentgelte im deutschen Handynetz

Deutsche Handynutzer zahlen seit Jahren zu hohe Minutenpreise, da es zwischen den vier Netzbetreibern T-Mobile, Vodafone, O2 und E-Plus Absprachen über die Terminierungsgebühren gibt. Darunter werden die Kosten verstanden, die bei einem Anruf in ein anderes deutsches Mobilnetz entstehen. Hier lagen Verabredungen zwischen den Betreibern über ein dauerhaft hohes Niveau vor. So entsteht den Nutzern ein jährlicher Schaden, der in die Milliarden geht. Dieses Problem wurde aufgrund der intensiven Mediendebatten über zu hohe Roaminggebühren überdeckt.

Hier kommen zwei Faktoren zusammen, die dazu beitragen, dass Journalisten manche Themen kaum wahrnehmen, geschweige denn darüber berichten. Der erste wird in der Erläuterung der Jury erwähnt. Paradoxerweise kann öffentliche Vernachlässigung durch ein Übermaß an öffentlicher Aufmerksamkeit bewirkt werden. Dass Medien sich bei der Themenauswahl an anderen Medien orientieren, führt zu zeitweiligen Überkonjunkturen mancher Probleme, die dann andere verdrängen. Die Verstopfung der öffentlichen Kommunikationskanäle mit solchem Informationsmüll kann sich derart steigern, dass phasenweise fast nur noch ein Thema Aufmerksamkeit findet und alles andere im Dunkeln bleibt. Nach dem 11. September 2001 oder vor dem Beginn des Irak-Krieges wären günstige Zeiten für Politiker gewesen, um unliebsame Maßnahmen ohne das Risiko intensiver Medienbeobachtung zu beschließen.

Der zweite Grund liegt in der Kompliziertheit des Problems. Jeder weiß, dass die Deregulation des Telefonmarkts schon für den normalen Nutzer zu einer Undurchsichtigkeit der Angebote geführt hat, die die Selbstregulierungskräfte dieses Marktes kaum zur Geltung kommen lässt. Um wie viel schwieriger ist es für Journalisten, sich im Dickicht des Telefonmarktes zurechtzufinden, um illegitime Preisabsprachen aufzudecken. Das erfordert einen Aufwand bei der Recherche, den die wenigsten Journalisten sich leisten können. Diesen Vernachlässigungsgrund greift das dritte Thema auf:

Qualitätsverluste im Journalismus

Schon heute arbeitet in Deutschland jeder dritte Journalist ohne feste Anstellung. Die seit 2001 anhaltende Medienkrise lässt die Zahl der „Freien“ weiter wachsen. Fehlender Kündigungsschutz und unzureichende soziale Absicherung führen zu gravierenden Qualitätseinbußen. Journalisten recherchieren weniger und verlassen sich zunehmend auf PR-Material. Unabhängige Information wird immer seltener. Da Medienbetriebe durch diese Entwicklung Kosten sparen, wird darüber kaum berichtet.

Bei diesem Thema haben wir es mit einer Vernachlässigung zu tun, bei der äußerer Druck auf den Journalismus die entscheidende Rolle spielt. Natürlich ist es nicht nur der eigene Betrieb mit seinem Kostenkalkül und seinem Interesse an konfliktfreier Außendarstellung, der auf Journalisten so einwirkt, dass Themen, die diesen Zielen hinderlich sind, nicht hinreichend recherchiert und publiziert werden. Es können beispielsweise auch Anzeigenkunden und politische Gewalten sein, die durch Druck von außen Vernachlässigung hervorrufen. Das ist Journalisten als Ursache von Nicht-Thematisierung bewusster als die professionstypischen Regelmäßigkeiten des eigenen Verhaltens und wird von Medienkritikern auch häufiger angeprangert.

Beim Thema vier spielen die Gewohnheiten und Erwartungen des Publikums eine besondere Rolle:

Chemikalien gefährden die Fruchtbarkeit –
eine „tickende Zeitbombe“?

Viele Chemikalien, mit denen der Mensch im Alltag in Berührung kommt, wie Lacke oder Kosmetik-Bestandteile, können Einfluss auf die Fruchtbarkeit des Menschen nehmen. Nach einer großen Mediendebatte Mitte der 90er Jahre wurde das Thema von deutschen Medien kaum noch aufgegriffen – obwohl diese Stoffe biologisch nicht abbaubar sind, und ihre Konzentration in der Umwelt stetig zunimmt. Einige Experten sprechen deshalb schon von einer „tickenden Zeitbombe“, über die es EU-weit auch zahlreiche neue Studien gibt. Journalisten teilen Sachverhalte mit, von denen sie annehmen, dass das Publikum sie erfahren möchte. Bei diesem Problem kann man vermuten, dass das Publikum es lieber verdrängt, als damit konfrontiert zu werden. Denn gegen die Aufnahme der sich in der Umwelt akkumulierenden Chemikalien, die genetische Schäden und Unfruchtbarkeit hervorrufen, ist im Grunde kein Kraut gewachsen. Wenn ich mich schon nicht vor diesen Stoffen schützen kann, dann verdränge ich deren unvermeidliche Präsenz doch lieber. Im Übrigen dürfte nach der Hochkonjunktur des Themas in den 90er Jahren ein Abstumpfungseffekt eingetreten sein. Wenn das Publikum sich kaum für ein Problem interessiert, dann können auch die Medien ihm keine intensive Beachtung schenken, wenn sie publizistisch und ökonomisch erfolgreich sein wollen.

Beim fünften Thema lässt sich wieder ein innerprofessioneller Vernach-lässigungsgrund erkennen:

Städte kippen den Baumschutz

In vielen Städten und Gemeinden werden übermäßig Bäume gefällt – ersatzlos. Möglich wird das durch die Abschaffung der Baumschutzsatzungen. Trotz der lauten Debatten über Umweltzonen in den Städten und das globale Klima spielt das Thema lokale Abholzung und seine Auswirkungen auch auf das Stadtklima so gut wie keine Rolle in der überregionalen Berichterstattung.

Dass ist ein Thema, dem journalistische Profis wenig Beachtung schenken, weil es kaum die berühmten Nachrichtenwertkriterien erfüllt. Trotz des Bezugs zum Klima- und CO2-Hype ist der löcherig werdende Baumschutz von einer Alltäglichkeit, die kaum Nachrichtenfaktoren wie Ereignishaftigkeit, Sensation, unmittelbaren Schaden oder Negativismus aufweist. Umgekehrt betrachtet ist jedes Nachrichtenwertkriterium auch eine Ursache dafür, dass Sachverhalte, die dieses Kriterium nicht erfüllen, nur geringe Chancen haben, in die Öffentlichkeit zu gelangen. Da auch der Journalismus gegenüber seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten blind ist, muss er auf dieses Problem von außen hingewiesen werden, beispielsweise von der ihn begleitenden Wissenschaft.

Fehlender Nachrichtenwert ist auch für das achte Thema bedeutsam:

Bundestag debattiert erstmals über Entschädigung für deutsche Kolonialverbrechen in Afrika – und keiner berichtet

Im Juni 2007 wurde erstmals im Bundestag über eine finanzielle Wiedergutmachung der deutschen Kolonialverbrechen im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika debattiert. Obwohl diese vielfach als Völkermorde bewertet werden, berichteten lediglich der englische Dienst der Deutschen Welle und die „Junge Welt“ – Nachrichtenagenturen kündigten weder den Termin an, noch lieferten sie Nachberichterstattung. Dadurch war der Debattentermin in den meisten Redaktionen unbekannt.

Hier fehlt es am Nachrichtenwertfaktor Nähe, und zwar sowohl in zeitlicher als auch in räumlicher Hinsicht. Hinzu kommen psycho-kulturelle Gründe: Eigene Schuld wird gern verdrängt, auch kollektiv, und Geschichtsbewusstsein wie Geschichtswissenschaft werden vom postmodernen Zeitgeist abgehängt.

Damit sind sicher nicht alle Gründe genannt, die zur Unterbelichtung von Themen in der medialen Öffentlichkeit führen. Vielmehr deutet sich an, dass es eine schwer überschaubare Fülle solcher Gründe gibt. Vernachlässigung von Missständen ist offenbar ein Problem, von dem die Öffentlichkeit unserer Gesellschaft schwerer betroffen ist als oft angenommen. Deshalb gehören Initiativen wie das „Project Censored“ oder die INA zu den strukturnotwendigen Komponenten funktionierender Öffentlichkeit in modernen Gesellschaften.

Der Autor




Prof. Dr. Horst Pöttker

Geschäftsführer der
Initiative Nachrichtenaufklärung

Jahrgang 1944, Studium der Sozial- und Geisteswissenschaften in Hamburg, Zürich, Kiel und Basel. 1978 Promotion zum Dr. phil. an der Universität Basel, 1982 bis 1985 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fach Soziologie an der Universität-Gesamthochschule Siegen. 1992 bis 1995 Gastprofessor für Ethik des journalistischen Handels an der Universität Leipzig. 1995 Habilitation für Soziologie mit dem Schwerpunkt Soziologie der Kommunikation und der öffentlichen Medien an der Universität-Gesamthochschule Siegen. Seit 1996 Universitäts-professor für Journalistik.




Die Liste

Diese Top-Themen hat die Initiative Nachrichtenaufklärung für 2007 ermittelt:

1. Absprachen über Terminierungsentgelte im deutschen Handynetz

Politiker behindern Einrichtung von Ombudsstellen

3. Qualitätsverluste im Journalismus

4. Chemikalien gefährden die Fruchtbarkeit – eine „tickende Zeitbombe“

5. Städte kippen den Baumschutz

6. Die Schweiz beschließt neue Atomkraftwerke

7. Fragwürdige Auslandsgeschäfte der WestLB

8. Bundestag debattiert erstmals über Entschädigung für deutsche Kriegsverbrechen in Afrika – und keiner berichtet